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Glutenunverträglichkeit

Wenn das tägliche Brot nicht mehr vertragen wird.

 

Geschichte der Glutenunverträglichkeit

 

Im Jahre 1888 wurde erstmals von Samuel Gee ein Krankheitsbild beschrieben, welches wir heute als einheimische Zöliakie/Sprue bezeichnen (im Gegensatz zur tropischen Zöliakie/Sprue). Erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckte der Holländer Dicke den Weizeninhaltsstoff Gluten als Auslöser der Erkrankung. Ein anderer Begriff für Gluten ist Klebereiweiß. Gluten ist also der Stoff, der beim Backen dafür sorgt, dass der Teig zusammenhält. Bei einer Glutenunverträglichkeit, bekommt man Schwierigkeiten beim Verzehr von weizenhaltigen Lebensmitteln. Aber auch alle anderen Getreideprodukte, die Gluten enthalten, führen zu Beschwerden.

 

Ursache der Glutenunverträglichkeit

 

Die Glutenunverträglichkeit wird nicht vererbt, wohl aber die Anlage hierzu. Man nennt dies auch eine genetische Disposition. Während Glutenantikörper bei 0,1 bis 0,5 % der Bevölkerung nachgewiesen werden können, ist dies bei 5-10 % der Verwandten ersten Grades von Patienten mit Glutenunverträglichkeit der Fall. Bei etwa 5 % aller Patienten mit Reizdarmsyndrom findet sich eine Glutenunverträglichkeit, so dass die Diagnose Reizdarm revidiert werden muss. Bei allen nahen Verwandten von Patienten mit Glutenunverträglichkeit und bei Patienten mit unklaren Bauchbeschwerden lohnt sich also eine Diagnostik zum Nachweis oder Ausschluss der Glutenunverträglichkeit.




Was passiert bei der Glutenunverträglichkeit?

 

Das Immunsystem der Patienten mit einer Glutenunverträglichkeit erkennt das harmlose Gluten als etwas Feindliches. Es wird daher angegriffen, so wie ein Bakterium oder ein Virus angegriffen wird. Die Antikörper richten sich aber nicht nur gegen das Gluten, sondern auch gegen körpereigene Substanzen. Die Dünndarmschleimhaut wird ebenfalls beeinträchtigt. Im Ernstfall so stark, dass die Darmzotten fast völlig verschwinden. Die Darmzotten vergrößern die Darmoberfläche um ein Vielfaches und sorgen so für eine gute Aufnahme aller wichtigen Nährstoffe. Wenn die Zotten bei einer fortgeschrittenen Glutenunverträglichkeit verschwunden sind, können Fette, Vitamine und Mineralstoffe nur noch sehr schlecht verwertet werden. Es kommt daher zu Durchfällen und Blähungen. Es treten bei einer Glutenunverträglichkeit in der Folge auch Mangelzustände auf, die für die Symptome verantwortlich sind.

Die Glutenunverträglichkeit ist eine Autoimmunerkrankung, bei sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet. Nicht selten bestehen auch andere Autoimmunerkrankungen wie z.B. Diabetes mellitus Typ I, Rheuma, Neurodermitis.

 

Symptomatik der Glutenunverträglichkeit

 

Die Glutenunverträglichkeit kann in allen Lebensabschnitten erstmals auftreten, am häufigsten aber im 2. und um das 40. Lebensjahr herum. Da die Symptomatik bei Glutenunverträglichkeit sehr uncharakteristisch ist, kann es mitunter viele Jahre dauern, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Bei den von Glutenunverträglichkeit betroffenen Kindern ist die Krankheit noch relativ am einfachsten zu erkennen. Wenn glutenhaltige Lebensmittel wie Brot oder Nudeln in die Ernährung eingeführt werden, dauert es einige Monate, bis die Darmschleimhaut soweit geschädigt ist, dass körperliche Symptome auftreten:

 

  • Durchfälle
  • Blähungen
  • Völlegefühl
  • Erbrechen
  • Appetitlosigkeit
  • Später auch Gewichtsverlust
  • Wachstumsstörungen

 

Besonders bei Erwachsenen kann diese Symptomatik eventuell schwach ausgeprägt sein oder sogar ganz fehlen. Fast die Hälfte der Patienten mit Glutenunverträglichkeit weist nicht die typische, oben beschriebene Magen-Darm-Symptomatik auf. Bei folgenden Symptomen sollten Sie daher auch an eine Glutenunverträglichkeit denken:

 

  • Knochen- oder Gelenkschmerzen (durch Vitamin D- und Kalziummangel)
  • Zahnschäden (durch Vitamin D- und Kalziummangel)
  • Blutungsneigung (durch Vitamin K-Mangel)
  • Taubheitsgefühle, Missempfindungen an den Gliedmaßen (durch Vitamin B12- und Folsäuremangel)
  • Blutarmut (durch Eisen-, Vitamin B12- und Folsäuremangel)
  • Sehstörungen und Nachtblindheit (durch Vitamin A-Mangel)
  • Muskelkrämpfe (durch Magnesiummangel)
  • Flüssigkeitsansammlungen (durch Eiweißmangel)
  • Müdigkeit, Erschöpfung
  • Menstruationsstörungen, Unfruchtbarkeit, Impotenz

 

Nicht selten treten bei einer Glutenunverträglichkeit auch Antikörper gegen Milch, Eier oder Soja auf. Bei lange bestehender Glutenunverträglichkeit kommt es durch die Schädigung der Dünndarmschleimhaut praktisch immer zu einer Laktoseintoleranz. Wenn also diese Nahrungsmittelallergien oder die Laktoseintoleranz diagnostiziert werden, glauben Arzt und Patient, die Diagnose schon gefunden zu haben. Das Erstaunen ist dann jedoch groß, wenn auch bei konsequenter Meidung der als unverträglich ermittelten Lebensmittel keine wesentliche Besserung der Symptomatik eintritt. Spätestens dann sollten Sie auch an eine Glutenunverträglichkeit denken und eine entsprechende Diagnostik in die Wege leiten.

 

Diagnostik der Glutenunverträglichkeit

 

Es wäre so schön einfach , wenn Sie ein Brot essen würden und dann sofort mit einer Verschlimmerung der Beschwerden reagieren. Und wenn Sie drei Tage glutenhaltige Lebensmittel meiden, wären Sie beschwerdefrei. Das funktioniert bei der Glutenunverträglichkeit aber nicht so schnell. Leider gibt es auch keinen Test, der bei positivem Ergebnis das Vorliegen einer Glutenunverträglichkeit hundertprozentig sicher nachweist oder bei dessen negativem Ergebnis eine Glutenunverträglichkeit hundertprozentig ausgeschlossen werden kann. Antikörper gegen Gluten sind eher unspezifisch und können auch bei anderen Darmerkrankungen gefunden werden. Genauer ist schon der Nachweis von Transglutaminase-Antikörpern in Blut oder Stuhl. Noch zuverlässiger ist die Diagnostik mittels Endomysium-Antikörpern im Blut. Der Goldstandard ist die Dünndarmspiegelung mit Entnahme von Gewebsproben an mehreren Stellen.

 

Stufenschema der Diagnostik der Glutenunverträglichkeit

 

  • Als Screening im Rahmen der Diagnostik bei Verdauungsbeschwerden (Diagnostik bei Reizdarm): Transglutaminase- und Gliadin-Antikörper im Stuhl
  • Bei positivem Nachweis Bestätigung durch  Endomysium-Antikörper im Blut
  • Dann mindestens dreimonatige glutenfreie Diät
  • Oder Dünndarmspiegelung mit Gewebsprobenentnahme.
  • Ggf. Vollblutmineral- und Vitaminanalysen zum Nachweis von Mangelzuständen.

 

Wichtig ist aber, dass die Diagnostik erfolgt, wenn Sie sich mit glutenhaltigen Lebensmitteln ernähren. Nach einer mehrmonatigen Meidung von Gluten können die Antikörperspiegel deutlich absinken, und auch die Darmschleimhaut regeneriert sich. Die Situation wird noch dadurch erschwert, dass Sie auch nach Stellung der richtigen Diagnose „Glutenunverträglichkeit“ und nach entsprechenden therapeutischen Konsequenzen nicht sofort eine Besserung der Symptome erwarten dürfen. Dies ist bei anderen Erkrankungen viel einfacher. Wenn Sie eineFruktoseintoleranz haben und Fruchtzucker meiden, dann sind Sie innerhalb weniger Tage völlig beschwerdefrei. Wenn Sie eine Schwäche der Enzymproduktion der Bauchspeicheldrüse haben und entsprechende Enzyme beim Essen zuführen, so verschwinden die Symptome ebenfalls innerhalb weniger Tage. Anders bei der Glutenunverträglichkeit. Es dauert leider mehrere Wochen bis Monate, bis die Darmschleimhaut sich wieder völlig erholt hat und die Magen-Darm-Beschwerden verschwinden. Erst dann kann der Darm Nährstoffe wieder vollständig verwerten. Nährstoffdefizite, die sich vielleicht über Jahre aufgebaut haben, können erst dann bei Zufuhr entsprechender Lebensmittel bzw. Nährstoffpräparate langsam wieder abgebaut werden. Die durch die Nährstoffdefizite hervorgerufenen Symptome gehen dann im Laufe von weiteren Monaten langsam zurück. In dieser Zeit dürfen Sie auf keinen Fall die Geduld verlieren und wieder rückfällig werden („Es hilft ja doch alles nichts, also kann ich auch mal wieder ein Brötchen/Pizza/Nudeln essen“).

 

Therapie der Glutenunverträglichkeit

 

Es ist also ganz wichtig, dass Sie bei hochgradigem Verdacht auf eine Glutenunverträglichkeit glutenhaltige Lebensmittel ganz konsequent und erstmal für mehrere Monate meiden. Nur dann lässt sich abschätzen, ob Sie langfristig wirklich von einer glutenfreien Kost profitieren. Hier einige Hinweise zur Diät bei Glutenunverträglichkeit:

 

Verbotene und erlaubte Lebensmittel

 

Glutenhaltig, verboten 

Alle Lebensmittel mit

Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Tritikale, Dinkel, Grünkern, Wildreis, Kamut, z.B.

  • Back- und Teigwaren
  • Mehlspeisen
  • Nudeln
  • Bier
  • Getreidekaffee
  • Malzbonbons
  • Paniertes Fleisch (sie dürfen aber glutenfreies Paniermehl verwenden)
  • Couscous
  • Wurstwaren (deren genaue Zusammensetzung unklar ist)
  • Schmelzkäse
  • Gorgonzola, Roquefort, Frischkäsezubereitungen
  • Fast alle Fertiggerichte mit Mehl- oder sonstigen glutenhaltigen Zusätzen
  • Fertigsuppen, -soßen
  • Fruchtzubereitungen, eingedickte Früchte
  • Fast alle Süßwaren
  • Senf, Ketchup, Gewürzmischungen
  • Fast alle Medikamente mit Drageeumhüllung

 

Glutenfrei, erlaubt

Reis, Mais, Hirse, Buchweizen, Amaranth, Quinoa, Soja und alle daraus hergestellten Teigwaren, Müslis (soweit sie nicht zusätzlich glutenhaltige Lebensmittel enthalten)

  • Kartoffeln und daraus hergestellte Gerichte
  • Gemüse
  • Obst
  • Hülsenfrüchte
  • Milch und Milchprodukte
  • Fleisch
  • Fisch
  • Eier
  • Naturkäsesorten
  • Sesam, Mohn, Leinsamen
  • Nüsse, Mandeln, Samen
  • Bindemittel: Guar- oder Johannisbrotkernmehl
  • Salz, Kräuter und Gewürze
  • Kaffee, Schwarztee, Grüntee
  • Wein
  • Mineralwasser
  • Fruchtsäfte (ohne Zusätze)
  • Glutenfreie Fertigprodukte (in Diätabteilungen von Supermärkten oder in Reformhäusern)

 

Sie sehen also, dass eine solche Diät erhebliche Einschränkungen mit sich bringt. Andererseits bleiben aber auch noch so viele Lebensmittel übrig, dass Sie nicht verhungern müssen. Besonders schwierig wird es, wenn Sie eingeladen sind oder im Restaurant oder in der Kantine essen. Ein Besuch in einem Restaurant ist kein Problem, sofern Sie eine Auswahl an Gerichten treffen, die kein Gluten enthalten. Am besten ist es, wenn Sie sich die einzelnen Komponenten ohne Zusätze wie Soßen, Panaden, Überbackenes, Frittiertes etc. bestellen, z.B. ein gemischter Salat mit Essig und Öl oder ein Steak natur plus Kartoffeln / Ofenkartoffeln plus Gemüse in Butter geschwenkt oder gedünsteten Fisch plus Reis (ohne Wildreis!) plus Gemüse in Butter geschwenkt.

Es sei hier nochmals die Konsequenz betont. Während Sie etwa bei einer Laktoseintoleranz oder einer Fruktoseintoleranz kleine Menge an Milch- oder Fruchtzucker zuführen dürfen, können bei einer Glutenunverträglichkeit auch kleinste Mengen Gluten den erreichten Therapieerfolg wieder in Frage stellen. Sie werden bei einer „Diätsünde“ möglicherweise gar nicht einmal in den nächsten Stunden reagieren, aber langfristig wird die Darmschleimhaut erneut geschädigt oder kann sich nicht richtig regenerieren. Es handelt sich eben bei einer Glutenunverträglichkeit nicht um eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, sondern prinzipiell um eine Allergie.

Manchmal wird auch vollmundig eine Heilung bei Glutenunverträglichkeit versprochen. Nach einer entsprechenden Therapie beginnt der Patient dann, glutenhaltige Lebensmittel zu essen, verspürt keine Beschwerden und wähnt sich daher als geheilt. Die Rechnung muss er dann nach einigen Monaten bezahlen, wenn es durch den Kontakt mit Gluten wieder zu Antikörperanstiegen, allergischen Reaktionen der Schleimhaut und einer Schädigung derselben gekommen ist.

Die glutenfreie Ernährung gewinnt noch dadurch an Bedeutung, dass es Hinweise darauf gibt, dass das Krebsrisiko bei Glutenunverträglichkeit erhöht ist, wenn die Nahrung Gluten enthält – selbst wenn der Patient mit einer Glutenunverträglichkeit asymptomatisch ist.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Fertiglebensmitteln, die garantiert glutenfrei sind – auch Soßen, Suppen, Desserts, Würzmittel etc., die üblicherweise glutenhaltig sind. Im Handel sind mittlerweile viele Lebensmittel als glutenfrei ausgezeichnet. Sie können das an dem Logo für glutenfrei (s. Abbildung) erkennen.